Viele Menschen mit Pflegegrad wünschen sich vor allem eins: selbstständig leben, trotz Unterstützung im Alltag. In diesem Artikel erfahren Sie, wie mit gezielten Maßnahmen, passenden Hilfsmitteln und guter Organisation genau das so gut es geht verwirklicht werden kann.
Zusammenhang zwischen Pflegegrad und Selbstständigkeit
In Deutschland gibt es 5 Pflegegrade. Die Einordnung basiert dabei größtenteils auf dem Grad der Selbstständigkeit der betroffenen Person.
- Pflegegrad 1: geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
- Pflegegrad 2: erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit
- Pflegegrad 3-5: zunehmender Unterstützungsbedarf
Dennoch bedeutet es gerade in den niedrigeren Pflegegraden nicht, dass man seine komplette Selbstständigkeit im Alltag aufgeben muss. Vielmehr kann durch den Pflegegrad ermöglicht werden, mit Hilfe von sinnvollen Unterstützungsleistungen, kluger Alltagsgestaltung und dem gezielten Einsatz von Hilfsmitteln möglichst lange ein selbstbestimmtes und weitestgehend eigenständiges Leben zu leben. Je höher der Pflegegrad ist, desto mehr Leistungen stehen dem Betroffenen und seinen Angehörigen zur Verfügung.
Maßnahmen für mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität
Trotz Pflegebedürftigkeit seine Selbstständigkeit zu behalten heißt nicht, stur alles wie bisher zu machen, Unterstützung zu verweigern und seine eigene Gesundheit zu gefährden, sondern in einem der Situation angemessenen Rahmen eigene Entscheidungen zu treffen und Aufgaben im Alltag eigenständig zu erledigen, aber auch Hilfe gezielt und situationsgerecht in Anspruch zu nehmen.
Die folgenden 8 Punkte helfen dabei einen Plan zusammenzustellen, wie trotz Pflegegrad die Selbstständigkeit und Lebensqualität erhalten bleibt:
1. Realistische Einschätzung des aktuellen Pflegebedarfs
Bevor es zur Gestaltung eines geeigneten Alltags geht, muss eine realistische und ehrliche Bewertung der eigenen Fähigkeiten und Grenzen stattfinden. Nur so kann eine passende Strategie für Pflege- und Unterstützungsmaßnahmen entwickelt werden. Besonders hilfreich sind hier die kostenlosen Gespräche mit Pflegeberatungen, da das Fachpersonal über umfassendes Pflegewissen verfügt und mit Ihnen gemeinsam hilfreiche Maßnahmen zum Erhalt der Selbstständigkeit identifizieren und umsetzen kann. Auch sinnvoll sind Gespräche mit medizinischem Fachpersonal, welches die gesundheitliche Ausgangslage sowie mögliche zukünftige Entwicklungen kennt.
Mögliche Fragen, die bei der Identifikation des Anpassungs- und Unterstützungsbedarfs helfen sind:
- Gibt es Barrieren oder Risikofaktoren im Wohnbereich, die einem gesunden und selbstständigen Leben im Weg stehen?
- Haben Sie durch Ihren Pflegegrad Anspruch auf Fördermittel für Wohnraumanpassungen?
- Welche Aufgaben kann die betreuungsbedürftige Person selbst bewältigen?
- Welche Aufgaben brauchen Unterstützung?
- Gibt es Freunde oder Bekannte, die im Alltag unterstützen können?
- Welche Aufgaben können von Freunden oder Bekannten übernommen werden und wo wird externe Hilfe benötigt?
- Wie viel Zeit können die Helfer für die Pflege aufbringen?
- Liegen Einschränkungen der Mobilität vor, die den Kontakt zu anderen Menschen erschweren?
2. Strukturierung des Alltags
Eine feste Tagesstruktur hilft Betroffenen und Angehörigen zu einem stressfreien und kontrollierten Alltag. Klare Routinen, in denen der Pflegebedarf eingebunden ist, normalisieren das Vorgehen und verhindern bspw. das Vergessen der Medikamenteneinnahme. Als Angehöriger sollte darauf geachtet werden, dass man unterstützt und nicht alles gänzlich abnimmt. Auch wenn es mehr Zeit kostet, sollten kleine, machbare Aufgaben, wie kleinere Haushaltsaufgaben, das selbstständige Anziehen mit Hilfsmitteln und die Medikamenteneinnahme, vom Betroffenen selbst ausgeführt werden. Dies fördert die Selbstständigkeit, den Erhalt der Mobilität und trägt auch zum seelischen Wohlbefinden der Person bei. Man fühlt sich nicht bevormundet, sondern in den notwendigen Bereichen unterstützt.
3. Gezielter Einsatz von Hilfsmitteln
Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Hilfsmitteln, teils sehr technisch wie Notrufsysteme oder Smarthome, teils simpel wie rutschfeste Badunterlagen. Sie helfen bei einer Pflegebedürftigkeit oder im Alter das selbstständige Ausführen von Aufgaben zu ermöglichen und den Alltag zu erleichtern. Damit sie ihren Zweck erfüllen können, ist es wichtig seine eigenen Grenzen zu akzeptieren und die Inanspruchnahme von Unterstützung als Stärke und nicht als Schwäche zu sehen. Das beste Hilfsmittel bringt nichts, wenn es nur in der Ecke herumliegt.
Die gängigsten Hilfsmittel, wovon viele bei vorhandenem Pflegegrad sogar von der Pflegekasse bezuschusst werden können, sind:
Mobilitätshilfen
wie Rollstühle, Gehhilfe, Rollatoren, Elektromobilitätshilfen bspw. Scooter oder Elektrorollstühle
Hausautomatisierungen
für Beleuchtung, Heizung, Türöffnung per Smartphone oder Sprachsteuerung
Notfallhilfsysteme
wie Hausnotrufsysteme für Zuhause oder unterwegs, automatische Sturz- und Notfallerkennung
Sensortechnologien
bspw. zum Monitoring der Gesundheit, Auslösen von automatischen Alarmen bei Bewegungslosigkeit und Stürzen, zur Früherkennung von Krankheiten
Apps
zur Erinnerung an Medikamenteneinnahme oder Termine
Eine umfassendere Auflistung möglicher Hilfsmittel und Alltagshelfer finden Sie im folgenden Blogbeitrag: Alltagshelfer für Senioren
4. Wohnraum anpassen und absichern
Eine sichere Wohnumgebung ist der Grundstein für Selbstständigkeit und kann auch zur sozialen Teilhabe beitragen. Wer eine saubere Wohnung hat, in der man sich frei bewegen kann, lädt eher andere zu Besuch ein.
Auf folgende Bereiche sollten Sie bei der Anpassung ein besonderes Augenmerk legen:
Barrierefreiheit:
Türschwellen sollten ebenerdig sein oder geebnet werden, lose Teppiche und rutschige Böden gegen rutschfeste Untergründe ausgetauscht und klare Laufwege mit ausreichend Platz (ggf. sogar für eine Nutzung mit Gehhilfen) geschaffen werden.
Sicherheit im Badezimmer:
Achten Sie auf die Anbringung von Haltegriffen in WC- und Duschbereich sowie einen erhöhten Toilettensitz für einfaches Hinsetzen und Aufstehen. Der Einstieg in die Dusche sollte ebenerdig sein, um Ausrutscher zu vermeiden. Ein Duschhocker oder andere Sitzmöglichkeiten sind essentiell bei Unsicherheiten durch längeres Stehen. Der gesamte Bereich sollte mit rutschfesten Matten ausgelegt werden.
Nutzbarkeit der Küche:
In der Küche sollten nur leicht erreichbare Schränke genutzt werden, die in Griffhöhe angebracht sind. Insbesondere häufig genutzte Gegenstände müssen gut erreichbar liegen, um über Kopf heben oder ähnliches zu vermeiden und die eigenständige Zubereitung von Mahlzeiten zu ermutigen.
Sicherheit im Schlafzimmer:
Das Schlafzimmer sollte barrierefrei sein und über ausreichend Platz verfügen. Das Bett selbst sollte einen erhöhten Einstieg bieten, der das Aufstehen erleichtert. Bei Bedarf sollten auch elektrische Betten mit Aufrichthilfen in Betracht gezogen werden. Zudem sollte ein Nachtlicht mit Bewegungsmelder verwendet werden, um nächtliches Aufstehen sicher zu gestalten.
Beleuchtung:
Das gesamte Wohnumfeld sollte gut ausgeleuchtet sein. Besonders relevant sind Risikobereiche wie Flur, Badezimmer, Schlafzimmer und Treppen, wo automatisierte Beleuchtungsoptionen, wie Lampen mit Bewegungssensoren, sofort für mehr Sicherheit sorgen können.
Hilfsmitteleinsatz:
Richten Sie Hilfsmittel wie Hausnotrufgeräte oder Treppenlifte ein, die von der Pflegekasse bezuschusst werden können und die Sicherheit in den eigenen vier Wänden erheblich steigern.
*Ab Pflegegrad 1 ist der SHS Hausnotruf Basic bei Kostenzusage der Pflegekasse kostenfrei erhältlich!
Sollte das alleinige Wohnen in den eigenen vier Wänden nicht mehr tragbar sein, aber auch kein Pflegeheim in Frage kommen, kann es Sinn ergeben, alternative Wohnformen in Betracht zu ziehen. Sie kombinieren das weitestgehend eigenständige Leben mit dauerhaften Unterstützungsmöglichkeiten und sozialer Teilhabe. Dazu gehören beispielsweise Pflege Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenhäuser, Betreutes Wohnen oder WGs mit bestimmten Schwerpunkten wie Demenz WGs.
5. Bewegung und Mobilität
Um trotz Pflegebedarf eigenständig und aktiv am Leben teilnehmen zu können, spielt die körperliche Gesundheit eine besondere Rolle. Durch gezielte Maßnahmen kann die betroffene Person Ihre Mobilität, Kraft und Energie erhalten sowie verbessern.
Folgende Maßnahmen sollten hierzu in Betracht gezogen werden:
Regelmäßige Bewegung:
Kleine Übungen zur Steigerung von Gleichgewicht, Kraft und Beweglichkeit sollten in den Alltag eingebaut werden. Das kann im eigenen Zuhause, im Rahmen von Physiotherapie oder in speziellen Sportkursen umgesetzt werden. Auch Spaziergänge tragen positiv zur körperlichen Gesundheit bei und sollten wenn möglich täglich stattfinden. Bewegung im Allgemeinen sorgt nicht nur für den Erhalt der Muskulatur, sondern beugt auch Stürze und somit langwierige Verletzungen vor.
Mobilitätshilfen:
Abhängig von der individuellen Ausgangslage sollten Hilfsmittel wie Gehstöcke, Rollstühle oder Rollatoren eingesetzt werden, um die eigenständige Fortbewegung zu erleichtern und sicherer zu gestalten.
Angepasste Fahrzeuge & öffentliche Verkehrsmittel:
Wenn pflegebedürftige Mitmenschen nicht mehr selbstständig Auto fahren können, können angepasste Fahrzeuge oder spezielle Transportdienste erheblich zur Erhaltung der Mobilität beitragen. Auch öffentliche Verkehrsmittel bieten eine gute Möglichkeit unabhängig von A nach B zu kommen. Das ermöglicht dem Betroffenen weiterhin eine aktive Teilnahme an sozialen Aktivitäten und das eigenständige Wahrnehmen von Terminen.
6. Soziale Teilhabe
Vielleicht mit der wichtigste Teil eines selbstständigen und lebenswerten Lebens ist die soziale Teilhabe. Sie steigert nicht nur das Wohlbefinden der Person, sondern beugt auch psychischen Stress und mentalen Abbau vor.
Leider ist gerade im Alter das Risiko zu vereinsamen sehr hoch. Geht dann auch noch ein Pflegegrad einher, ist die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass Personen sich aus Scham, zusätzlichem Zeitaufwand oder fehlenden Möglichkeiten komplett isolieren. Eine große Aufgabe der Pflege ist es deshalb, die soziale Teilhabe zu ermöglichen und ermutigen. Das kann in Form von wechselnden Angehörigen und Freunden, die zum Unterstützen aber auch einfach zum Sprechen die betroffene Person besuchen, Seniorengruppen, Hobbies oder geplanten Teilnahmen an Gemeinschaftsaktivitäten sein. Besonders wichtig ist, dass die pflegenden Angehörigen versuchen die Beziehung durch die vielen neuen Aufgaben nicht mehr nur im Pflegekontext zu führen, sondern weiterhin das alte (Eltern-Kind) Verhältnis aufrecht zu erhalten und bewusst Zeit miteinander zu verbringen.
7. Zusammenarbeit statt Bevormundung
Gerade am Anfang der Pflegebedürftigkeit ist es für viele Betroffene schwer sich Ihren Unterstützungsbedarf einzugestehen. Umso wichtiger ist es, dass sich Angehörige und andere Pflegepersonen langsam herantasten. Die Pflege soll keine Bevormundung darstellen sondern eine Zusammenarbeit. Von Anfang an sollten beidseitig klare Regeln zur Kommunikation festgelegt und eingehalten werden.
Soweit medizinisch möglich, sollte niemand vor vollendete Tatsachen gesetzt, sondern Entscheidungen immer mit der pflegebedürftigen Person zusammen getroffen werden. Dazu zählt auch, in welchen Bereichen geholfen werden soll und von wem. Gerade im engen Familienkreis kann es auch sinnvoll sein sehr intime Pflegeaufgaben an professionelle Pflegedienste abzugeben. So bleibt Würde und Eigenständigkeit auf Seiten des Pflegebedürftigen erhalten. Genauso entscheiden oft schon kleine Formulierungen darüber, ob die Person Ihre Hilfe akzeptiert. Bieten Sie lieber Ihre Unterstützung ergebnissoffen an, statt sofort „Ich mach das für dich“ zu sagen.
Unterstützungsleistungen von der Pflegekasse
Die Selbstständigkeit von pflegebedürftigen Personen hängt nicht zuletzt auch von der Stabilität der Angehörigen ab. Überlastete Angehörige können langfristig keine gute Unterstützung bieten, weshalb Pflegekassen mittlerweile diverse Entlastungsangebote ermöglichen und finanziell unterstützen. Dazu zählen unter anderem der Entlastungsbetrag, Pflegegeld, Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege aber auch Pflegekurse.
Es lohnt sich zudem falls möglich die Belastung auf verschiedene Personen mit klaren Verantwortlichkeiten aufzuteilen. Auch die Einbeziehung von Freiwilligen, Nachbarschaftshelfern und Vereinen für einfache Aufgaben wie Einkäufe, Haushalt oder Beschäftigung sowie das Hinzuziehen von Pflegefachpersonal, gerade bei steigendem Pflegeaufwand, ist eine wichtige Maßnahme zur Gewährleistung der bestmöglichen Versorgung. Spezielle Angebote wie Essen auf Rädern, ambulante Besuchsdienste und Alltagsbegleitungen können super helfen, gerade wenn Angehörige weiter weg wohnen.
Fazit:
Ein Pflegegrad bringt Veränderungen mit sich, heißt aber nicht automatisch die Aufgabe der Selbstständigkeit. Durch gezielte Unterstützung, passende Hilfsmittel, klare Strukturen und offene Kommunikation, kann ein selbstbestimmtes Leben trotz Pflegegrad gelingen.
Für Angehörige bedeutet das vor allem eines: begleiten, unterstützen und Sicherheit schaffen, ohne die Eigenständigkeit zu nehmen.
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