Ein Sturz im Alter ist mehr als ein Missgeschick. Für Seniorinnen und Senioren kann er schwerwiegende körperliche und psychische Folgen haben. Jährlich stürzen jeder vierte ältere Mensch mindestens einmal, häufig im eigenen Zuhause. Umso wichtiger ist es zu wissen, was im Ernstfall zu tun ist, wann ärztliche Hilfe nötig ist und wie sich Stürze künftig vermeiden lassen.
In diesem Ratgeber erfahren Sie:
- was Sie unmittelbar nach einem Sturz tun sollten
- wann ein Sturz ein Notfall ist
- welche Folgen auch harmlose Stürze haben können
- wie Sie Stürze gezielt vorbeugen
Warum Stürze im Alter so gefährlich sind
Mit steigendem Alter nehmen Muskelkraft, Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit häufig ab. Gleichzeitig können Erkrankungen oder Medikamente das Sturzrisiko zusätzlich erhöhen. Insgesamt steigt dadurch nicht nur die Häufigkeit von Stürzen, sondern auch das Ausmaß der Folgen. Auch wenn oft nur harmlose Abschürfungen oder Prellungen auftreten, kommt es bei rund 10% aller Stürze im erhöhten Alter zu versorgungsbedürftigen Verletzungen. Dazu zählen beispielsweise Knochenbrüche, größere Platzwunden oder Kopfverletzungen, starke Prellungen und längere Phasen von Immobilität.
Als Angehöriger steht man daher schnell in der Verantwortung in der Akutsituation richtig zu handeln, Erste Hilfe zu leisten und über die Notwendigkeit eines Rettungswagens oder Arztbesuches zu entscheiden.
Auslöser für Stürze
Es gibt nicht den einen Auslöser, der bei Senioren zu Stürzen führt. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die Stürze begünstigen können. Diese können in 4 Kategorien aufgeteilt werden:
Körperliche Ursachen
z. B. Muskelschwäche, Gleichgewichtsstörungen, Seh- oder Hörprobleme, Schwindel, chronische Erkrankungen
Psychische Ursachen
z. B. Unsicherheit, Desorientierung, Verwirrtheit
Medikamente
z. B. Blutdrucksenker, Schlaf- oder Beruhigungsmittel, Schmerzmittel, Wechselwirkungen
Umwelt & Alltag
z. B. lose Teppiche & Teppichkanten, schlechte Beleuchtung, glatte Böden, fehlende Haltegriffe, ungeeignetes Schuhwerk, enge Laufwege, Eile beim Toilettengang, Aufstehen in der Nacht
Sofortmaßnahmen nach einem Sturz
1. Ruhe bewahren & Überblick verschaffen
Bleiben Sie ruhig, um Ihrem Angehörigen Sicherheit zu geben. Machen Sie sich zunächst ein Bild von der Situation:
- Wie liegt die Person?
- Gibt es einen offensichtlichen Grund für den Sturz?
- Ist die Person bei Bewusstsein und ansprechbar?
- Gibt es sichtbare Verletzungen?
Wichtig: Lassen Sie die Person zunächst liegen, wenn unklar ist, ob Verletzungen vorliegen.
2. Beweglichkeit & Schmerzen prüfen
Wenn die Person bei Bewusstsein ist, stellen Sie ihr einfache Fragen.
- Was ist passiert?
- Wo tut es weh?
- Gibt es schwere Schmerzen?
- Können Arme und Beine bewegt werden?
- Ist Schwindel oder Übelkeit vorhanden?
Wenn die Person sehr starke Schmerzen bei Berührung hat, sich kaum bewegen kann, stark blutet, offene Brüche oder Fehlstellungen von Gliedmaßen hat oder verwirrt wirkt, sollten Sie umgehend einen Rettungsdienst verständigen. Außerdem sollte jegliche Eigenbewegung vermieden werden.
3. Keine übereilten Bewegungen
Wenn keine akuten Verletzungen bestehen, die die Alarmierung des Rettungsdienstes erfordern, können Sie die Person zunächst in eine schmerzmindernde Position bringen, beispielsweise mit einem Kissen oder einer Decke. Halten Sie sie dazu an, erst einmal liegen zu bleiben. Bestimmte Verletzungen können sich durch hastige Bewegungen verschlimmern!
Überprüfen Sie den Körper auf Hämatome und kleinere Verletzungen. Liegen nur leichte oder keine offensichtlichen Beschwerden vor, sollten erst einmal vorsichtige, bedachte Bewegungen erfolgen. Komplett aufstehen sollte die Person erst, wenn keine Symptome wie Schwindel, Schwäche oder Schmerzen bestehen.
Sorgen Sie für ausreichend Platz und holen Sie sich ggf. die Hilfe einer zweiten Person dazu, um das Wiederaufrichten zu ermöglichen. Wenn vorhanden, stellen Sie einen Stuhl, idealerweise mit Armlehnen, in die Nähe des Gestürzten. Zunächst kann die Person sich seitlich in den Vierfüßlerstand drehen und kurz verharren. Aus dieser stabilen Ausgangsposition kann die gestürzte Person ein Bein hochstellen und sich am Stuhl haltend aufrichten. Um zu unterstützen, können Sie die Person von hinten umfassen und am Hüftbereich stützen und nach oben ziehen. Die Person sollte sich so drehen, dass Sie zunächst auf dem Stuhl zum Sitzen kommt. Treten danach keine weiteren Beschwerden auf, kann die Person vorsichtig aufstehen.
4. Schmerzen lindern & beobachten
Versorgen Sie die kleineren Verletzungen. Bei Prellungen oder Schwellungen helfen Kühlkompressen und abschwellende Salben. Behalten Sie Ihren Angehörigen in den darauf folgenden Stunden im Auge und erkundigen Sie sich regelmäßig nach dem Wohlbefinden. Sollten neue Symptome auftreten oder Beschwerden schlimmer werden, sollten Sie einen ärztlichen Rat einholen. Wenn Sie sich unsicher sind, sollten Sie, selbst nach einem auf den ersten Blick harmlosen Sturz, immer lieber einen Arzt aufsuchen.
5. Unfall dokumentieren
Damit Sie vorbereitet sind, falls im Nachhinein doch eine medizinische Behandlung notwendig wird, sollten Sie in Ihrem Kalender eintragen, wann und wie der Sturz passiert ist.
Wann sollte der Notruf gewählt werden?
In folgenden Fällen, sollten Sie sofort einen Rettungsdienst über 112 informieren:
- bei starken Schmerzen
- wenn ein Schock vorliegt (bspw. erkennbar durch Apathie, hektische Atmung)
- bei Verdacht auf einen Knochenbruch
- wenn der Kopf aufgeschlagen wurde
- bei tiefen Schnittwunden
- wenn Blutverdünner eingenommen werden
- wenn Blutungen nicht gestillt werden können
- bei Bewusstseinsstörungen/wenn die Person bewusstlos war
- wenn Sie sich unsicher sind
Grundsätzlich gilt: Lieber einmal zu früh als zu spät Hilfe holen.
Alleinlebende Senioren: Was tun im Notfall?
Ein Sturz kann eine traumatische Erfahrung sein, insbesondere wenn Sie alleine leben. Versuchen Sie nicht in Panik zu geraten. Kontrollieren Sie zunächst, ob Sie verletzt sind und ob Sie sich bewegen können. Können Sie sich aufrichten und hinsetzen? Gibt es eine Möglichkeit Hilfe zu kontaktieren, beispielsweise über ein Telefon in der Nähe oder einen Hausnotruf? Falls nicht, nutzen Sie jede Möglichkeit auf sich aufmerksam zu machen.
Gerade wenn Sie alleine leben und eine gewisse Sturzgefahr besteht, ist die Vorbereitung alles. Damit gerade bei Stürzen mit versorgungsbedürftigen Folgen keine wichtige Zeit verloren geht und Sie nicht hilflos am Boden liegen, sollten Sie Hilfsmittel wie einen Hausnotruf in Betracht ziehen, die jederzeit greifbar sind und unkompliziert Hilfe verständigen können.
*Ab Pflegegrad 1 ist der SHS Hausnotruf Basic bei Kostenzusage der Pflegekasse kostenfrei erhältlich!
Warnsignale nach einem Sturz
Wenn Ihr Angehöriger nicht schwer verletzt ist, aber nach dem Sturz weiterhin leichte bis mäßige Schmerzen oder andere Symptome wie Bewegungseinschränkungen, Schlafauffälligkeiten, Benommenheit und Wesensveränderungen auftreten, sollte zeitnah ein Arzt aufgesucht werden. Nicht jede Verletzung zeigt sich sofort. Gerade bei älteren Menschen kommt es häufig zu verzögerten Symptomen.
Am Wochenende oder an Feiertagen können Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 kontaktieren und die Beschwerden schildern. Die Fachleute beraten Sie, ob noch am gleichen Tag eine Bereitschaftspraxis oder die Notaufnahme aufgesucht werden soll.
Psychische Folge: Sturzangst
Nicht nur physische Beschwerden in Folge eines Sturzes sollten Ernst genommen werden, sondern auch psychischen Beschwerden. Viele ältere Menschen sorgen sich, dass sie stürzen, sich einen Knochen brechen und dann Pflege benötigen. Das Problem: Wer sich aus Angst vor einem Sturz weniger bewegt, hat ein größeres Risiko zu stürzen als jemand, der täglich Bewegung einbaut und unterwegs ist.
Um dem entgegenzuwirken, den Teufelskreis zu durchbrechen und den weiteren Abbau der Muskelkraft zu verhindern, sollte behutsame Mobilisation gefördert werden, gegebenenfalls mit physiotherapeutischer Unterstützung. Angehörige sollten der betroffenen Person außerdem gut zusprechen und Begleitung anbieten, sodass eine leichtere Rückkehr ins Leben vor dem Sturz ermöglicht wird und soziale Kontakte erhalten bleiben.
Sturzprävention & Vorbereitung
Von den zuvor genannten sturzbegünstigenden Faktoren können Maßnahmen zur Sturzprävention abgeleitet werden.
Ein sehr zentraler Punkt zur Sturzprävention ist die körperliche Fitness und Mobilität des Betroffenen. Bauen Sie daher regelmäßige Bewegung in den Alltag ein, die die Muskelkraft, Koordination und das Gleichgewicht fördert. Super geeignet dazu sind spezielle Sportkurse für Senioren aber auch kleine Übungen Zuhause und Spaziergänge können helfen. Üben Sie außerdem wie Sie oder Ihr Angehöriger sich im Falle eines Sturzes aus der Rückenlage in den Vierfüßlerstand bewegen und dann sicher, selbstständig aufstehen kann.
Um das Sturzrisiko in der Wohnung zu minimieren, sollte der Wohnraum angepasst werden. Stolperfallen wie lose Teppiche oder Kabel müssen entfernt, rutschfeste Untergründe bspw. durch Matten im Bad geschaffen, klare Laufwege eingehalten & freigeräumt sowie gute Beleuchtung in allen Bereichen angebracht werden.
Auch die Medikamente sollten regelmäßig vom Arzt auf richtige Dosierung und Nebenwirkungen untersucht und angepasst werden. Zudem können Hilfsmittel wie Gehstöcke oder Rollatoren für mehr Sicherheit bei Bewegungen sorgen.
Selbst wenn es der Person nach einem Sturz wieder gut geht und Sie Maßnahmen zur Prävention umsetzen, wird die Person höchstwahrscheinlich erneut stürzen. Daher gilt es sich auf den Notfall besser vorzubereiten. Hier ist gerade bei alleinlebenden Personen oder Personen, die den Großteil des Tages alleine sind, der Einsatz eines Hausnotrufgeräts sinnvoll. Dabei wird ein Funksender direkt am Handgelenk oder als Halskette getragen, sodass im Notfall immer per Knopfdruck Hilfe alarmiert werden kann. Die Notrufzentrale ist dabei 24/7 im Einsatz und kennt bereits Informationen zum Gesundheitszustand und den Kontaktpersonen des Betroffenen.
Fazit
Stürze im Alter können nicht komplett verhindert werden. Was entscheidend ist, ist der Umgang mit der Situation. Wer weiß, wie man im Ernstfall richtig reagiert, Warnsignale erkennt und gezielt vorbeugt, kann schwere Folgen vermeiden und die Selbstständigkeit länger erhalten.
Besonders wichtig ist:
- schnelles aber überlegtes Handeln nach einem Sturz
- sorgfältige Beobachtung in den Stunden und Tagen danach
- eine sichere Gestaltung des Alltags
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