Was sind Pflegegrade und welche Vorteile haben sie?
Ein Pflegegrad ist eine Einstufung, die feststellt, wie viel Pflege eine Person benötigt. Die Pflegeversicherung in Deutschland bietet je nach Pflegegrad unterschiedliche Unterstützungsleistungen, die pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen zugutekommen. Die Einstufung erfolgt durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder einen anderen zugelassenen Gutachter und soll sicherstellen, dass jede Person genau die Hilfe erhält, die sie braucht.
Entlastung durch Pflegegrade für Pflegebedürftige und Angehörige
Mit einem Pflegegrad erhalten pflegebedürftige Menschen Zugang zu finanziellen und organisatorischen Leistungen, die es ihnen ermöglichen, selbstbestimmt zu leben. Auch für Angehörige bietet ein Pflegegrad Unterstützung, sei es in Form von Beratung, Schulungen oder finanzieller Hilfe. Die Höhe und Art der Leistungen sind abhängig vom Pflegegrad und passen sich individuell an die Bedürfnisse der Person an.
Finanzielle Leistungen
Mit einem Pflegegrad kommen verschiedene finanzielle Unterstützungen wie das Pflegegeld oder Pflegesachleistungen für häusliche oder professionelle Pflege hinzu. Diese Leistungen entlasten das Budget der Betroffenen und ihrer Familien erheblich.
Entlastungsleistungen und Hilfsmittel
Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 erhalten zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen, die zur Tages- oder Nachtpflege genutzt werden können. Auch finanzielle Unterstützung für Hilfsmittel wie Pflegebetten oder Wohnraumanpassungen ist möglich, was das Leben zu Hause sicherer und komfortabler macht.
Pflegegrade und die zugehörigen Leistungen im Überblick
Wie folgende Tabelle zeigt, kann es sich sehr lohnen einen Pflegegrad zu beantragen – insbesondere dann, wenn du ohnehin dafür berechtigt bist.
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Leistungen
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Pflegegrad 1
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Pflegegrad 2
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Pflegegrad 3
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Pflegegrad 4
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Pflegegrad 5
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Hausnotruf
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Anspruch
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Anspruch
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Anspruch
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Anspruch
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Anspruch
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Pflegegeld
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0 €
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347 € / mtl.
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599 € / mtl.
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800 € / mtl.
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990 € / mtl.
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Pflegesachleistung
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0 €
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796 € / mtl.
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1497 € / mtl.
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1859 € / mtl.
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2299 € / mtl.
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Entlastungsbetrag
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131 € / mtl.
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131 € / mtl.
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131 € / mtl.
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131 € / mtl.
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131 € / mtl.
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Tag-/Nachtpflege
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Kein Anspruch
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721 € / mtl.
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1357 € / mtl.
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1685 € / mtl.
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2085 € / mtl.
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Kurzzeitpflege
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Kein Anspruch
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1854 € / jährl.
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1854 € / jährl.
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1854 € / jährl.
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1854 € / jährl.
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Verhinderungspflege
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Kein Anspruch
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1685 € / jährl.
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1685 € / jährl.
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1685 € / jährl.
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1685 € / jährl.
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Wohnumfeld Verbesserung
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4180 € je Maßnahme
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4180 € je Maßnahme
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4180 € je Maßnahme
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4180 € je Maßnahme
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4180 € je Maßnahme
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Pflegehilfsmittel
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42 € / mtl.
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42 € / mtl.
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42 € / mtl.
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42 € / mtl.
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42 € / mtl.
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Kombinations-Möglichkeiten von Leistungen
Abhängig vom Pflegegrad gibt es verschiedene Kombinationsmöglichkeiten für die Pflegeleistungen:
– Pflegegeld und Pflegesachleistungen: Für Personen, die zu Hause von Angehörigen gepflegt werden, kann Pflegegeld beantragt werden. Wird zusätzlich ein ambulanter Pflegedienst benötigt, können Pflegesachleistungen in Anspruch genommen werden. Das Pflegegeld kann dann anteilig genutzt werden.
– Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege: Wenn die pflegende Person verhindert ist (z.B. durch Krankheit oder Urlaub), können Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege als Entlastung in Anspruch genommen werden.
– Entlastungsbetrag: Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 haben Anspruch auf einen monatlichen Entlastungsbetrag von 125 Euro, der für zusätzliche Leistungen wie hauswirtschaftliche Hilfen oder Betreuung im Alltag genutzt werden kann.
Diese Flexibilität ist besonders wertvoll, da die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen je nach Bedarf entscheiden können, wie sie die Leistungen kombinieren möchten, um bestmögliche Unterstützung zu erhalten.
So erhälst Du einen Pflegegrad
Ablauf der Begutachtung
Um den Pflegegrad zu bestimmen, wird der Pflegebedürftige von einem Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) oder einem anderen zertifizierten Gutachter besucht. Dieser Gutachter beurteilt die Selbstständigkeit der Person anhand von sechs Modulen wie Mobilität, Selbstversorgung und kognitive Fähigkeiten. Der Besuch findet meist im häuslichen Umfeld statt, was oft angenehmer ist und eine realistische Einschätzung des Alltags ermöglicht.
Bewertungskriterien im Detail
Die Einstufung erfolgt nach einem Punktesystem, das in sechs Lebensbereiche unterteilt ist. Ein Pflegegrad wird nach folgenden Kriterien vergeben:
– Mobilität: Wie gut kann sich die Person fortbewegen?
– Kognitive und kommunikative Fähigkeiten: Kann die Person klar denken und kommunizieren?
– Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: Liegen Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Probleme vor?
– Selbstversorgung: Wie gut kann sich die Person um sich selbst kümmern (z.B. waschen, anziehen)?
– Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen: Wie gut bewältigt die Person die Auswirkungen ihrer Erkrankung?
– Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte: Kann die Person den Alltag selbst gestalten und soziale Kontakte pflegen?
Die Einstufung erfolgt nach einem Punktesystem, das in sechs Lebensbereiche unterteilt ist. Ein Pflegegrad wird nach folgenden Kriterien vergeben:
Pflegegrad 1: Geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit (12,5 bis unter 27 Punkte)
Pflegegrad 2: Erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit (27 bis unter 47,5 Punkte)
Pflegegrad 3: Schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit (47,5 bis unter 70 Punkte)
Pflegegrad 4: Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit (70 bis unter 90 Punkte)
Pflegegrad 5: Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung (90 bis 100 Punkte)
Tipps zur Vorbereitung
Ein Pflegetagebuch kann helfen, den tatsächlichen Pflegebedarf zu dokumentieren und dem Gutachter eine realistische Einschätzung zu ermöglichen. Hier kann vermerkt werden, wie oft Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben benötigt wird und in welchen Bereichen die meisten Herausforderungen auftreten.
Was ist bei einer Ablehnung zu tun?
Falls der Antrag auf einen Pflegegrad abgelehnt wird oder die zugewiesene Einstufung als zu niedrig empfunden wird, besteht die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Viele Anträge werden in erster Instanz abgelehnt, daher ist ein Einspruch oft sinnvoll. Dabei gibt es folgende Dinge zu beachten:
– Widerspruchsfrist beachten: Der Widerspruch muss innerhalb eines Monats nach Erhalt des Bescheids eingelegt werden.
– Begründung des Widerspruchs: Im Widerspruch sollten konkrete Gründe angegeben werden, warum die Bewertung nicht dem tatsächlichen Pflegebedarf entspricht. Hier können Dokumentationen wie das Pflegetagebuch oder ergänzende ärztliche Gutachten helfen.
– Hilfe von Beratungsstellen: Es gibt unabhängige Beratungsstellen, die pflegebedürftige Personen und Angehörige bei der Antragstellung und beim Widerspruch unterstützen. Auch Pflegeverbände bieten oft Rat und Unterstützung an.
Häufige Missverständnisse und Klarstellungen
Rund um das Thema Pflegegrade kursieren viele Missverständnisse, die zu Unsicherheiten und Fehlinformationen führen können. Es ist wichtig, einige der gängigsten Irrtümer aufzuklären, um Missverständnisse zu vermeiden und Ansprüche korrekt zu nutzen.
Pflegegrad bedeutet nicht Pflegeeinrichtung
Viele denken, dass ein Pflegegrad automatisch bedeutet, dass jemand in einer Pflegeeinrichtung untergebracht werden muss. Tatsächlich zielt das System der Pflegegrade darauf ab, den Pflegebedürftigen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben zu Hause zu ermöglichen.
Pflegegeld für professionelle Pflege
Es herrscht oft die Annahme, dass Pflegegeld ausschließlich für professionelle Pflegedienste genutzt werden kann. In Wahrheit wird das Pflegegeld für die private Pflege durch Angehörige oder Freunde gezahlt, während für professionelle Dienste Pflegesachleistungen vorgesehen sind.
Kein automatischer Anspruch auf Pflegehilfsmittel
Nicht jede Person mit einem Pflegegrad hat automatisch Anspruch auf alle Pflegehilfsmittel. Bestimmte Hilfsmittel werden nur dann bewilligt, wenn sie im Rahmen der Begutachtung als erforderlich anerkannt wurden.
Ein kurzer Abschnitt mit solchen Missverständnissen kann für Klarheit sorgen und den Lesern helfen, ihre Ansprüche besser zu verstehen und nutzen zu können.
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Häufige Fragen
Ein Pflegegrad ist eine Einstufung, die in Deutschland im Rahmen der Pflegeversicherung vorgenommen wird, um den individuellen Pflegebedarf einer Person zu bewerten und sie entsprechend zu unterstützen. Der Pflegegrad wird durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder andere zugelassene Gutachter ermittelt und beeinflusst Art und Höhe der Leistungen.
Es gibt fünf Pflegegrade, die von leichtem Unterstützungsbedarf (Pflegegrad 1) bis zu intensivem Pflegebedarf (Pflegegrad 5) reichen. Je höher der Pflegegrad, desto umfangreicher sind die Leistungen, die von der Pflegeversicherung gewährt werden.
Der Pflegegrad wird von der Pflegekasse auf Grundlage eines Gutachtens des Medizinischen Dienstes (MD) oder bei privat Versicherten von Medicproof festgelegt. Das Ergebnis ist ein Bescheid der Pflegekasse.
Pflegestufen wurden 2017 durch Pflegegrade ersetzt. Das heutige System bewertet nicht nur den Pflegeaufwand, sondern vor allem die Selbstständigkeit in verschiedenen Lebensbereichen; zum Beispiel Mobilität, kognitive Fähigkeiten, Selbstversorgung und Umgang mit Krankheiten.
Mit einem Pflegegrad können pflegebedürftige Menschen finanzielle Unterstützung und Sachleistungen erhalten, um eine bestmögliche Versorgung sicherzustellen. Zudem profitieren Angehörige durch finanzielle Entlastung, Beratung und Schulungen, die ihnen die Pflege erleichtern.
Um einen Pflegegrad zu erhalten, muss ein Antrag bei der Pflegekasse gestellt werden. Daraufhin erfolgt eine Begutachtung durch den MDK, der die Pflegebedürftigkeit anhand von sechs Kriterien bewertet und einen Pflegegrad zuteilt.
Bei der Begutachtung prüft der Medizinische Dienst, wie selbstständig die Person in verschiedenen Lebensbereichen ist. Dazu werden Fragen gestellt und typische Alltagssituationen eingeschätzt, zum Beispiel Körperpflege, Mobilität, Orientierung, Umgang mit Medikamenten und Haushaltsführung.
Nein, aber es ist sehr empfehlenswert. Angehörige können wichtige Informationen ergänzen, die im Alltag oft nicht sichtbar sind, und darauf achten, dass Einschränkungen realistisch dargestellt werden, auch wenn der Pflegebedürftige sie selbst herunterspielt.
Die Bewertung erfolgt nach festen Kriterien („Module“), unter anderem:
- – Mobilität
- kognitive und kommunikative Fähigkeiten
- – Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
- – Selbstversorgung (Waschen, Anziehen, Essen)
- – Umgang mit Krankheit und Therapie
- – Gestaltung des Alltags und sozialer Kontakte
Daraus wird ein Punktwert berechnet, der den Pflegegrad bestimmt.
Abhängig vom Pflegegrad erhalten Pflegebedürftige Pflegegeld (bei privater Pflege durch Angehörige), Pflegesachleistungen (bei professioneller Pflege durch Pflegedienste), zusätzliche Entlastungsleistungen und Zuschüsse für Kurzzeit- oder Tagespflege sowie Hilfsmittel und Wohnraumanpassungen.
In der Regel erhalten Sie bei Pflegegrad 1 kein Pflegegeld. Es gibt aber andere Leistungen, zum Beispiel den Entlastungsbetrag, Pflegeberatung und Zuschüsse für bestimmte Hilfsmittel oder Wohnraumanpassungen.
Die Höhe des Pflegegeldes variiert je nach Pflegegrad. Beispielsweise erhalten Personen mit Pflegegrad 2 derzeit 316 Euro monatlich, während Personen mit Pflegegrad 5 bis zu 901 Euro monatlich erhalten. Diese Beträge sind für pflegende Angehörige gedacht, die private Pflege leisten.
Der Entlastungsbetrag ist ein monatlicher Betrag, der für anerkannte Unterstützungsangebote genutzt werden kann – zum Beispiel für Haushaltshilfe, Betreuung, Alltagsbegleitung oder niedrigschwellige Entlastungsleistungen. Er entlastet Angehörige und unterstützt Pflegebedürftige im Alltag.
Ja, das ist möglich. Dann spricht man von einer Kombinationsleistung. Der Pflegedienst rechnet seine Leistungen über Pflegesachleistungen ab, und das Pflegegeld wird anteilig ausgezahlt, abhängig davon, wie viel Pflegedienst-Leistung genutzt wird.
Ja, Angehörige können die Pflegekosten in der Steuererklärung geltend machen. Bestimmte Ausgaben können als außergewöhnliche Belastungen oder haushaltsnahe Dienstleistungen steuerlich abgesetzt werden, was die finanzielle Belastung senken kann.
Verhinderungspflege dient dazu, pflegende Angehörige zu entlasten, wenn diese beispielsweise krank oder im Urlaub sind. Sie können bis zu 1.612 Euro jährlich dafür verwenden, eine Ersatzpflege zu finanzieren. Anspruch darauf besteht ab Pflegegrad 2.
Kurzzeitpflege ist eine vorübergehende stationäre Pflege in einer Einrichtung, zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt oder zur Entlastung pflegender Angehöriger. Sie kann helfen, eine Pflegesituation zu stabilisieren oder zu überbrücken.
Pflegebedürftige haben Anspruch auf Pflegehilfsmittel, die den Alltag erleichtern. Hierzu zählen etwa Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und Inkontinenzprodukte. Die Pflegekasse stellt hierfür monatlich bis zu 40 Euro zur Verfügung.
Pflegebedürftige können Zuschüsse für Maßnahmen zur Verbesserung ihres Wohnumfeldes beantragen, etwa für den Einbau eines Treppenlifts, barrierefreie Zugänge oder ein Pflegebett. Die Pflegekasse fördert solche Maßnahmen mit bis zu 4.000 Euro pro Maßnahme.
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass jeder Pflegegrad Anspruch auf dieselben Leistungen gibt. Tatsächlich variieren die Leistungen jedoch je nach Pflegegrad erheblich. Ein weiteres Missverständnis betrifft den Anspruch auf Pflegegeld und Pflegesachleistungen – viele wissen nicht, dass diese oft nur in einer der beiden Formen genutzt werden können.
Der Pflegegrad kann je nach individueller Situation regelmäßig überprüft werden, insbesondere wenn sich der Zustand der pflegebedürftigen Person verändert. Eine Höherstufung oder auch eine Rückstufung kann auf Antrag erfolgen, wenn sich der Pflegebedarf signifikant ändert.
Ja. Wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert oder der Unterstützungsbedarf deutlich steigt, können Sie eine Höherstufung beantragen. Dann wird erneut begutachtet und geprüft, ob ein höherer Pflegegrad gerechtfertigt ist.
Sie können innerhalb einer Frist von 4 Wochen nach Erhalt des Bescheids Widerspruch gegen den Bescheid einlegen. Oft hilft es, zusätzliche Unterlagen einzureichen (z. B. Arztberichte, Pflegetagebuch). Eine gute Vorbereitung auf die Begutachtung erhöht die Chance auf eine korrekte Einstufung.
Ein Pflegetagebuch dokumentiert, wie viel Unterstützung im Alltag tatsächlich benötigt wird (z. B. Körperpflege, Mobilität, Medikamente, Beaufsichtigung). Es hilft dabei, den Pflegebedarf realistisch darzustellen, besonders bei Begutachtung, Höherstufung oder Widerspruch.
Ja. Auch psychische Erkrankungen (z. B. Depressionen, Angststörungen) können zu Einschränkungen der Selbstständigkeit führen. Wenn diese Einschränkungen dauerhaft sind und Hilfe im Alltag notwendig ist, kann ein Pflegegrad möglich sein.