Es kann alarmierend wirken, wenn Angehörige zunehmend Dinge vergessen, immer häufiger den Schlüssel suchen, oder nicht mehr wissen, warum Sie den Raum betreten haben.
Sich in solchen Fällen Sorgen zu machen, ist ganz normal. Wichtig ist es, informiert zu bleiben und auf Hinweise zu achten, um zu wissen, wann ein Termin beim Arzt angebracht ist.
In diesem Ratgeberartikel geben wir Ihnen einen Überblick, was noch zu normaler Vergesslichkeit zählt und wann es auf eine Demenzerkrankung hinweisen könnte.
Was versteht man unter Demenz?
Demenz beschreibt keine Alterserscheinung, sondern eine Erkrankung des Gehirns. Nervenzellen sterben dabei dauerhaft ab, sodass der Alltag zunehmend schwerer zu bewältigen ist.
Für gesunde Menschen scheinbar selbstverständliche Alltagsaufgaben werden zur Hürde: Der Einkauf kann nicht einfach so erledigt werden. Der vorher selbst verfasste Einkaufszettel gleicht einem Rätsel. Fünf Leibe Brot werden gekauft, weil das Einschätzen von sinnvollen Mengen kaum möglich ist. Das beschreibt den Alltag von 1,8 Millionen Menschen in Deutschland – so die Schätzung für 2025.
Wie viele Menschen sind von Demenz betroffen?
Demenz ist keine Seltenheit. Betrachtet man die Altersgruppe ab 65 Jahren, sind 10,5% der deutschen Bevölkerung von Demenz betroffen. Unter 65 Jahren sind es nur etwa 0,1%.
Ein Trend, der hoffen lässt: der durchschnittliche Beginn der Krankheit ist im Vergleich zum Stand von vor 10 Jahren tendenziell in einem höheren Alter, was darauf schließen lässt, dass Menschen gesünder leben.
Ist Alzheimer dasselbe wie Demenz?
Kurz gesagt: Alzheimer ist die häufigste Ursache einer Demenz. Somit ist jede Alzheimererkrankung eine Demenz, aber nicht jede Demenzerkrankung zählt zu Alzheimer. Bei einer Alzheimererkrankung kommt es zu krankhaften Eiweißablagerungen. Diese führen dazu, dass Nervenzellen und deren Verbindungen unwiderruflich absterben. Kennzeichnend für Alzheimer ist, dass das Kurzzeitgedächtnis zuerst abbaut. Das Langzeitgedächtnis funktioniert zu Beginn noch erstaunlich gut.
Ab wann spricht man von einer Demenz?
Gemäß der Syndromdiagnose müssen vier Kriterien gleichzeitig vorliegen:
-
Defizite in mindestens zwei kognitiven Domänen:
o Gedächtnis (Lernen und Erinnern neuer Informationen)
o Sprache (Wortfindungsstörungen, Beeinträchtigung des Sprachverständnisses)
o Exekutive Funktionen (Probleme beim Planen, Organisieren, logischen Denken oder der Urteilskraft)
o Visuokonstruktive Fähigkeiten (Probleme beim räumlichen Sehen, Orientieren oder Zeichnen)
o Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit - Einschränkung der Alltagskompetenz: Dazu gehören etwa Einkaufen, Kochen, Körperpflege, der Umgang mit Geld, die Einnahme von Medikamenten oder die zeitliche und örtliche Orientierung.
- Ausschluss eines Delirs: Die Symptome dürfen nicht nur im Rahmen einer akuten Verwirrtheit (Delir), beispielsweise durch einen schweren Infekt oder Flüssigkeitsmangel, auftreten
- Dauer: Die Symptome müssen über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten beständig angehalten haben (Kriterium nach ICD-10)
Wie wird Demenz diagnostiziert?
Die Anamnese findet nach leitliniengerechten Schritten statt:
Im ersten Schritt werden kognitive Kurztests durchgeführt. Darunter der MMST (Mini-Mental-Status-Test): Der weltweit am häufigsten eingesetzte Suchtest. Er prüft in verschiedenen Aufgaben die Orientierung, Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Sprache und visuelle Konstruktion. Solche Kurztests dienen zur Objektivierung des Status Quo und geben Hinweise darauf, welche Gehirnbereiche stärker betroffen sind.
Im zweiten Schritt geben Laboruntersuchungen des Blutes Aufschluss über die Symptome. Beispielsweise werden die Schilddrüsen und Vitamin B12-Werte genauer untersucht, um eventuell ausschließen zu können, dass eine Demenzerkrankung vorliegt. Weiterhin werden Schichtbilder des Gehirns durch ein kraniales MRT generiert, da beispielsweise Gehirntumore zu ähnlichen Symptomen führen können. Bei einer Demenz wäre schon Gewebeschwund sichtbar.
Im letzten Schritt kann eine ätiologische Zuordnung stattfinden, sofern Menschen im frühen Alter erkrankt sind. Dort wird die exakte biologische Ursache ausgemacht.
Demenz oder normale Vergesslichkeit: Wo liegt der Unterschied?
Die Demenz zeichnet sich durch eine besonders starke Ausprägung aus. Ist ein Mensch vergesslich, so kann mal ein Name einer bekannten Person entfallen, allerdings nur vorübergehend. Mal den Schlüssel zu verlegen ist ebenso kein Grund zur Sorge. Liegt eine Demenz vor, so werden Namen, oder gar Personen vollständig vergessen bzw. nicht mehr erkannt. Der Schlüssel wird nicht nur verlegt. Betroffene können sogar vollständig vergessen, wofür dieser überhaupt verwendet wird.
Nutzt jemand einen Einkaufszettel als Gedächtnisstütze und kann diesen auch wie vorgesehen im Laden nutzen, um den Einkauf schneller zu erledigen, ist dies kein Anzeichen für eine Demenz.
Ein schlichtes Verwechseln des Wochentages ist ebenso kein Anzeichen, aber eine völlige Orientierungslosigkeit und kein Gefühl für Raum und Zeit.
Demenzerkrankte zeigen oft auch eine mangelnde Krankheitseinsicht oder streiten diese komplett ab. Wo hingegen gesunde Menschen ein Gefühl für eigene „Fehler“ besitzen und Lücken selbst reflektieren können.
Eine bloße Vergesslichkeit bleibt auch über Jahre hinweg auf demselben Niveau. Die Demenz nimmt kontinuierlich und dauerhaft zu.
Wir dürfen nicht vergessen, dass sowohl Schlafmangel, Stress oder psychische Belastung, als auch bestimmte Medikamente dazu führen können, dass häufiger mal kleine Dinge vergessen werden. Sollte die Oma auf einem Sonntag einen Kuchen mitbringen, obwohl verabredet war, dass dieser von der Enkelin mitgebracht wird, ist dies nicht sofort ein Grund zur Sorge. Die Häufigkeit, Intensität und die Ausprägung spielen eine Rolle. Und vor allem: Die Einschätzung des Arztes.
Was tun, wenn ich bei mir selbst oder anderen Demenz vermute?
- Veränderungen beobachten und konkrete Beispiele notieren.
- Betroffene ruhig und respektvoll ansprechen.
- Einen Termin beim Hausarzt vereinbaren.
- Bei Bedarf eine neurologische Praxis oder Gedächtnissprechstunde aufsuchen.
- Nach einer Diagnose geeignete Beratungs- und Unterstützungsangebote nutzen.
- Selbst informiert bleiben.
Fazit: Nicht jede Gedächtnislücke bedeutet Demenz
Den Schlüssel verlegt, einen Termin vergessen oder plötzlich nicht mehr gewusst, weshalb man eigentlich in die Küche gegangen ist. Solche Situationen kennt wohl jeder. Doch nicht hinter jeder Gedächtnislücke steckt gleich eine Demenzerkrankung. Auch Stress, Schlafmangel oder andere gesundheitliche Ursachen können unsere Gedächtnisleistung beeinflussen.
Wichtig ist deshalb, genauer hinzuschauen: Treten die Gedächtnisprobleme häufiger auf? Fallen alltägliche Aufgaben zunehmend schwerer? Wer solche Veränderungen bei sich selbst oder Angehörigen bemerkt, sollte diese ärztlich abklären lassen. Denn nicht jede Vergesslichkeit ist ein Warnsignal, anhaltende Veränderungen sollten jedoch ernst genommen werden.